Friedrich Nerly: Die Piazetta im Mondschein aus unserer Rubrik: Gemälde Neuerer Meister
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Friedrich Nerly

1807 Erfurt - 1878 Venedig

Alte Kunst am 15.11.2007, Los 1074


Nerly, Friedrich
1807 Erfurt - 1878 Venedig

Die Piazetta im Mondschein. Signiert. Öl auf Leinwand. 81 x 111,5cm. links unten: F. Nerly. Rahmen.

Rückseitig:
Nochmals signiert sowie bezeinet: "1838 im Ocktober/ 8 Tage Maskenfreiheit in Venedig. F. Nerly sr."

Provenienz:
Hessischer Adelsbesitz.

Gutachten:
Dr. Wolfram Morath-Vogel, Erfurt September 2007:
"Das von mir im Original geprüfte, bisher unpublizierte Werk ist zweifelsfrei eine der von Nerlys erstem Biographen Franz Meyer (1908) erwähnten Fassungen der "Piazzetta im Mondschein", die Nerly aufgrund der großen Nachfrage sechsunddreißig Mal gemalt haben soll. Die bekannten Fassungen existieren jeweils in ganz unterschiedlichen Formaten und immer als Varianten, niemals als Wiederholungen der ersten Bildidee, d. h. keine zwei Fassungen gleichen einander genau. Nerly hat zeitlebens keinen Werkstattbetrieb mit Gehilfen aufgebaut, es gibt keine sog. Werkstattwiederholungen, nur Eigenhändiges.
Hatte Nerly in seiner römischen Zeit mit dem "Marmortransport" (Staatliches Museum Schwerin) den ersten großen Erfolg, so wurde bald nach seiner Übersiedlung nach Venedig, wo Nerly von 1837 bis zu seinem Tode gelebt hat, die "Piazzetta im Mondschein" zum überragenden Klassiker und zum 'Inbegriffbild' (Max Imdahl) seiner Kunst. Der epochale Rang dieser Bildschöpfung erwies sich zuletzt im Rahmen der großen, in Brüssel und München 2007 gezeigten Ausstellung "Blicke auf Europa - Europa und die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts", in deren Kontext eine frühe, nur geringfügig kleinere Fassung des Bildes (Angermuseum Erfurt, Inv. 3019) zu sehen war. Die eindrucksvolle Bildidee, deren erste Fassung ursprünglich für Nerlys künstlerischen Mentor, den Freiherrn Carl Friedrich von Rumohr bestimmt war, erregte sofort Aufsehen und Bewunderung und hat schon bald italienische Nachahmer gefunden: So ist z. B. das wohl um 1858 entstandene "Notturno veneziano" des Venezianers Ippolito Caffi (1809-1866) in der Sammlung der Cassa di Risparmio di Venezia zweifelsfrei als nur leicht veränderte Kopie nach Nerlys "Piazzetta im Mondschein" identifizierbar; auch die gegenüber dem Vorbild stark reduzierte Personenstaffage in Caffis Nachahmung läßt sich im einzelnen (die drei Figuren an der Mole zwischen Dogenpalast und Segelschiff) als übernommen nachweisen, und zwar aus Nerlys 1842 datierter "Piazzetta im Mondschein" (Leihgabe aus Privatbesitz im Landesmuseum Mainz), während die Gesamtanlage des Caffi-Bildes fast wörtlich mit der von Nerly noch 1871 verwendeten Disposition der Vedute übereinstimmt. Wobei die betont zeichnerische, etwas trockene Nachahmung Caffis den fluidalen Schmelz, der in Nerlys Darstellung jeder einzelnen Erscheinung Anteil gibt am ungewiß Schattenhaften und zugleich Verklärten der im Blausilber schimmernden Mondnacht, nirgends erreicht.

Dargestellt ist der Blick über das nächtliche Bacino di San Marco von einem dem Palazzo Ducale gegenüber liegenden Standpunkt auf der Piazzetta (die nicht sichtbare Libreria Sansovinos im Rücken). Die Südwestecke des im Anschnitt wiedergegebenen gotischen Regierungsgebäudes beansprucht mehr als ein Drittel der Bildfläche und bildet eine Art Repoussoir-Motiv, das die weiträumige Ausdehnung der Blicköffnung nach rechts aus dem Binnenbezirk der Piazzetta auf die offene Lagune besonders eindrucksvoll sich entwickeln läßt. Dabei ist Nerlys Bildrechnung außerordentlich präzise, ohne je ins akademisch Erlebnisferne zu fallen: die beiden tiefenräumlich gestaffelten Säulen des Hl. Theodor und des geflügelten Löwen markieren im Sinne der Flächengliederung auf der rechten Bildhälfte einen der Palastwand links genau entsprechenden Abschnitt; zwischen beiden Abschnitten öffnet sich der schmalere Mittelstreifen, dessen Zentrum - die Bildmitte - ein still liegendes Schiff mit gerefften Segeln innehat. Zwischen den beiden Säulen aber öffnet sich ein weiteres 'Bild': der Blick auf San Giorgio Maggiore mit der Kuppelkirche Palladios und auf den Campanile, dessen schlanke Turmbekrönung mit dem Ecktürmchen auf den zinnenbewehrten Dach des Dogenpalastes aufs Schönste korrespondiert. Auf der optischen Verbindungslinie zwischen beiden aber befindet sich das Fabeltier des geflügelten Löwen, der mit den subtilen Mitteln der Bildregie zum Handlungsträger und heimlichen Herrscher der Szene wird. Und zwar im Dialog mit dem von der Südwestecke des Dogenpalastes halb verdeckten, außerordentlich hellen (Voll-) Mond, der auf dem Wasser, auf der ihm zugekehrten Seite des zentralen Seglers und auf der Löwensäule die stärksten Reflexe hervorruft. Beide, der Mond und das Fabeltier auf der mit einem Lichtsaum versehenen Säule, markieren wichtigste Stellen der planimetrischen Bildordnung. Erst von daher erlangt ihr beziehungsreiches Gegenüber jene magische Intensität, die den Betrachter der bildschönen Verbindung von repräsentativer Architektur, romantischer Lichtstimmung und still auf der Lagune liegenden Segelschiffen förmlich in Bann schlägt und die den Ruhm von Nerlys Bildidee begründet.

Die nächtliche Piazzetta ist belebt: mönchsartige Gestalten in langen Kapuzenmänteln, historisierend gekleidete Paare, größere und kleinere Gruppen, viele mit Masken, bevölkern den Platz, ohne daß ein Handlungsfaden als solcher deutlich wird. Rechts am vorderen Bildrand lehnt ein Gondoliere mit Ruderstange am Gondeldach (ein an dieser Stelle der Piazzetta real nicht mögliches, von Nerly lediglich phantasiertes Motiv), vor der leeren Gondelkabine ist eine kleine Laterne entzündet. Sie bildet ein motivisches Echo teils auf die Laternen der maskierten Musikergruppe zwischen den Säulen, teils auf das unter den Palastarkaden angezündete Feuer, dessen rötlicher Schein auf der dem Naturschauspiel des Mondlichtes abgewandten Seite des Palastes einen luminaristischen Nebenschauplatz bildet, den Nerly im Bildganzen als artistisches Spiel mit verschiedenen Lichtquellen virtous inszeniert. Dabei spielt die filigrane Transparenz der Palastarchitektur, die gleichsam lichtdurchlässig erscheint, eine besondere Rolle. Der Mond durchscheint die (unsichtbaren) Fenster der Südfront des Palazzo, sein Licht durchdringt die im Obergeschoß gelegene Sala del Maggior Consiglio und schimmert durch das große Maßwerkfenster der Westfassade.

Als Nerly 1871 diese großartig durchdachte - und womöglich letzte? - Fassung seiner mehr als dreißig Jahr zuvor konzipierten Bildidee in die Tat umsetzte, deren ausgereifte Bildgenauigkeit selbst der im Angermuseum Erfurt bewahrten frühen Version überlegen erscheint, war in Venedig längst die Gasbeleuchtung eingeführt worden, die auch das nächtliche Gesicht der Serenissima verändert hat. Tatsächlich handelt es sich um ein Erinnerungsbild aus längst verwichenen Tagen, und Nerly selbst hat diesen Umstand auf der Rückseite des glücklicherweise undoubliert gebliebenen Bildes eigenhändig vermerkt: 1838 im Ocktober/ 8 Tage Maskenfreiheit in Venedig. Als Beleg für die Datierung der Ursprungsidee ist die Aufschrift von unschätzbarem Wert, zumal die angeblich erste Fassung im Angermuseum Erfurt (Inv. 3019) keine Datierung aufweist. Ein zusätzlicher Hinweis auf die späte Entstehung des 1871 ausnahmsweise datierten Bildes findet sich übrigens in der Form der zweiten, rückseitigen Signatur: F. Nerly sr.
Nerlys 1842 geborener Sohn Federico Nerly, von seinem Vater zum Maler ausgebildet, war damals 29 Jahre alt und als Maler tätig. Aufgrund der Namensgleichheit war Abgrenzung sinnvoll und angebracht. Daher findet sich auf späteren Bildern Friedrich Nerlys die Signatur von Nerly senior: "F. Nerly sr." [für den freundlichen Hinweis gilt mein Dank der Nerly-Kennerin Mechthild Lucke, Erfurt].

Wieweit der mit der Maskenfreiheit verbundene Motivkreis schon in der "Piazzetta im Mondschein" bezug nimmt auf Schillers berühmten "Geisterseher", der in Venedig spielt und Nerly sogar im Rahmen eines Bilderzyklus beschäftigt hat, wird erst nach Sammlung und Auswertung der erhaltenen Briefe und Urkunden zu beurteilen sein. Die Möglichkeit ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß die auffällige Dreiergruppe im Zentrum der "Piazzetta", die Nerly durch viele Fassungen beibehalten hat, den Prinzen aus Schillers unvollendeter Erzählung und seinen Begleiter "in tiefer Maske" zeigt, wie sie verfolgt bzw. erstmals angesprochen werden von dem geheimnisumwitterten Armenier. Die Verarbeitung literarischer Vorlagen - etwa Lord Byrons - läßt sich für Nerlys venezianische Motivwelt auch sonst belegen. Übrigens hat Nerly die Piazzetta nicht nur im Glanz des Mondes gemalt. Eine in der Bildanlage motivgleiche, 1840 datierte Piazzetta im Tageslicht wurde 2005 in London versteigert."

Erfurt, im Oktober 2007



Dr. Wolfram Morath-Vogel

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