Mehrzweck- und Verwandlungstisch aus unserer Rubrik: Möbel
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Europ. Kunstgewerbe und Schmuck am 15.05.2010, Los 1073

MUSEALER KLASSIZISMUS-VERWANDLUNGSTISCH.
Neuwied. Um 1785-90. David Roentgen.

Mahagoni poliert. Vergoldete Bronze-und Messingbeschläge. Rechteckiger Korpus auf Vierkantspitzbeinen. Zarge mit kannelierten Kanten, ein Schub mit
Handhaben in Form drapierter Tücher. Durch das Ausziehen der Schublade schiebt sich die
Deckplatte nach hinten und zwei durch Rolljalousien verschlossene Kästen mit originaler
Stoffauskleidung und Fächereinteilungen für Flakons, sowie zentral ein aufstellbarer
Spiegel werden frei. Eine zweite innere Schublade kann nun herausgezogen werden und gibt
ein aufstellbares Lesepult sowie zwei lange seitlich klappbare Schublädchen frei. 76x95x66cm. Zustand B/C.

Provenienz:
Privatsammlung Köln
1950 erworben Kunsthaus Lempertz, Auktion 428, Lot 329, dort als Provenienzangabe:
Ehemals Sammlung Stroganoff.

Literatur:
Andreas Büttner, Ursula Weber Woelk, Bernd Willscheid. Edle Möbel für höchste Kreise. Neuwied 2007. Parallelstücke abgebildet S. 214/215, 227 und 231.
Hans Huth. Abraham und David Roentgen. Berlin 1928. Parallelstück abgebildet S.43.
Hans Huth. Roentgen. München 1974. Parallelstück abgebildet Nr. 137-138.
Dietrich Fabian. Abraham und David Roentgen. Neustadt/Saale 1996. Parallelstücke abgebildet Nr. 105-113.

Auf den ersten Blick besticht das Möbel durch seine schlichte und strenge Eleganz, die durch die Verwendung des edlen dunklen Mahagoniholzes und der vergoldeten Beschläge betont wird.
Durch das Öffnen des Möbels zeigt sich erst seine wahre Funktion, denn mit Hilfe komplizierter Mechanismen verwandelt sich der Tisch zu einem Toiletten- und Frisiermöbel, sowie zu einem Schreibtisch mit Lesepult.
David Roentgen entwickelte diesen Typus eines Verwandlungsmöbels auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Tisch zählte zu den beliebtesten Möbeln aus seiner Werkstatt. Parallelstücke findet man heute im Besitz des Hauses Sachsen-Gotha-Coburg, der Herzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach, des Hauses Württemberg, in der David Collection in Kopenhagen und auf Schloß Pawlowsk.
Besonders großen Anklang fanden die Roentgen-Möbel am russischen Zarenhof, der in den 1780er Jahren sein wichtigster Auftraggeber wird. Baron von Grimm empfahl Roentgen an die Zarin, so heißt es in einem Brief Grimms an Katharina II.:"Ein anderer einzigartiger Mann nimmt auch in diesem Moment den Weg nach Sankt Petersburg. Es ist Herr Röntgen, ein berühmter Herrnhuter, und ohne Zweifel der erste Kunstschreiner-Mechaniker des Jahrhunderts. So wirkt die Anziehungskraft; die besten Köpfe ziehen sich gegenseitig an, und weil Eure Majestät nicht nach Neuwied an den Rhein gehen kann, begibt sich der große Röntgen nach Petersburg an die Newa"(Fabian 1996. S.361).
Im Jahre 1783 reist David zum ersten Mal nach Sankt Petersburg. Ein zeitgenössischer Bericht lautet wie folgt:"Vor einigen Tagen kam der wegen Verfertigung schöner Meublen, selbst zu Versailles und Paris bekannte Mechanikus, David Röntgen, mit einer ganzen Ladung vortrefflicher Meublen hier an. Ihro kayserl. Majestät nahmen selbige selbst in Augenschein, bewunderten ihre Schönheit und kauften den ganzen Vorrath für einen sehr ansehnlichen Preis an sich..."(Fabian 1996.S.361).
In den Jahren 1783 bis 1790 reiste Roentgen fünfmal nach Russland. Der Transport der Möbel von Neuwied nach Petersburg dauerte etwa drei Monate. Roentgen nutzte insbesondere die Wintermonate für den Landtransport seiner kostbaren Möbel, die dann auf Schlitten schonend über den weichen Schnee befördert wurden. Alle seine Möbel waren für den Transport konzipiert und in der Regel in Einzelteile zerlegbar. So geht aus einem Verzeichnis der beschäftigten Handwerker von 1779 hervor, dass in Roentgens Werkstatt ein Meister mit zwei Gesellen ausschließlich Transportkisten baute.
Auch Friedrich Wilhelm II. von Preussen war ein großer Verehrer und Bewunderer Roentgens. 1791 ernennt er David Roentgen zum Königlich Preußischen Kommerzienrath. Hierzu bemerkte Freiherr von Wackerbarth auf seiner Rheinreise:"...und so heißt ein Tisch(l)er: Herr geheimer Rath!- Dies ist sicher das einzige Beispiel in der ganzen Weltgeschichte, daß ein Tisch(l)er ein geheimer Rath ward"(Fabian 1996:S.317).
Beeindruckend auch der Besuch Friedrich Wilhelms II. am 7.November 1792 in Neuwied. In seinem Gefolge befanden sich u.a. Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig und Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, sowie der Prinz von Nassau-Siegen. Roentgen führte den hohen Besuch durch seine Manufaktur, wo im Anschluss an die Besichtigung zusammen mit dem wiedischen Fürstenhaus ein Mittagessen eingenommen wurde.
Doch schon im selben Jahr beginnt David Roentgen mit der Auflösung seiner Manufaktur, die Produktion wurde eingestellt, ein Großteil der Arbeiter entlassen und Möbelvorräte verkauft. So endete nach einem halben Jahrhundert die Produktion feinster Luxusmöbel, die an Qualität und Raffinese unerreicht bleiben und noch heute die Welt begeistern.

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