Zehn gotischen Relieftafeln aus unserer Rubrik: Kunstkammer
Zurück


Europäisches Kunstgewerbe am 16.11.2013, Los 1203

HOCHBEDEUTENDE FOLGE VON ZEHN GOTISCHEN RELIEFTAFELN
Frankreich. Um 1410-20. Adaptiert in einem barocken Diptychon.

Silber getrieben und feuervergoldet. Das Diptychon bestehend aus einem Holzkern verkleidet außen mit roter Seide, die mit Gold- und Silberfäden verziert ist. Innen tlw. mit Silber beschlagen. Die großen Tafeln zeigen a: Die Kreuzigung mit Christus am Kreuz zwischen Maria und
Johannes vor einem mit Sternen verzierten Hintergrund, sowie Sonne und Mond.
b: Die Auferstehung mit Christus auf dem offenen Grab sitzend, die rechte Hand zur Segnung
erhoben, in der linken Hand die Siegesfahne haltend, vor dem Grab drei schlafende
Soldaten. Mit Sternen verzierter Hintergrund. Die kleinen Tafeln, ebenfalls mit Sternen
verziertem Hintergrund zeigen die Symbole der vier Evangelisten, sowie vier sitzende
Propheten mit Spruchbändern in ihren Händen. Diese Tafel wurden wohl im Barock in ein
aufklappbares Diptychon adaptiert, welches die Form eines Buches hat. Außen mit Stoff
verkleidet und mit Blatt- und Blütenranken aus Gold- und Silberstickerei verziert. Zentral
eine Kartusche unter einer Krone, das wohl dort angebrachte Wappen verloren.
Innen auf der linken Seite zentral die Kreuzigung und in den Ecken die Symbole der vier
Evangelisten, an den Seiten zwei vergoldete Silberstreifen aus der Gotik mit betenden
Engeln in Vierpässen. Unter der Haupttafel auf einem bemalten Ledergrund ein gotisches
Doppelkreuz aus vergoldetem Silber mit schlichten Gravuren. Das kleine Kreuz ist
aufklappbar, dahinter in einem Hohlraum ein minimaler Holzpartikel wohl vom Kreuze
Christi. Um das Kreuz kleine eingefasste Reliquien und Steine. Auf dem Grund neben
Sternen, Sonne und Mond zwei Wappen, das eine wohl das der Abtei Corbie.
Auf der linken Seite zentral die Auferstehung und in den Ecken vier Propheten. Auch hier
seitlich gotische Silberstreifen mit betenden Engeln. Unter der Hauptplatte, auf einem
bemalten Ledergrund, in der Mitte ein Eglomisébild mit dem Bildnis Christi, umgeben von
eingefassten Reliquien und farbigen Steinen.
Die Hauptplatten zeigen nachträglich angebrachte Scharniere um sie als Türen zu verwenden.
Im Zustand von 1925 waren diese noch funktionsfähig, heute nicht mehr. Ebenso verloren
sind vier sternenverzierte Silberbleche unter den großen Bergkristallen. Diese sowie
einige der Reliquien sind wohl Zutaten des 19. Jahrhunderts. Große Tafeln 19 x 14 bzw. 18,5 x 14,5 cm, die kleinen Tafeln zwischen 6 bis 7 x 6,5 bis 7 cm. Das Diptychon 8,5x36x24 cm.

Provenienz:
- Sammlung Frederic Spitzer, Paris. Auktion Nachlass Spitzer Paris 1893.
- Sammlung Adalbert Matkowsky, Berlin. Lepke Auktion Nachlass Matkowsky Berlin 1910.
- Privatsammlung Düsseldorf.
- Seit 1921 Sammlung Dr. Alfred Schubert (Ehemaliger Kurator am Kunstmuseum Düsseldorf)

Gutachten:
- Echtheitsbestätigung durch Otto von Falke, Berlin 1925
- Technisches Gutachten von Carl Beumers, Düsseldorf 1925.
- EDRFA Analyse der beiden Hauptplatten, Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie, Mannheim
2013.

Literatur:
- Frederic Spitzer(Hrsg.): La Collection Spitzer, Antiquité, Moyen-Age, Renaissance, Band
1, Paris u.a. 1890. Aufgeführt unter Nr. 85, Bildtafel XVII.
- Ménard Catalogue des objets d'art et de haute curiosité antiques, du moyen-age & de la
renaissance composant l'importante et précieuse collection Spitzer, Paris 17. April bis
16.Juni 1893. Lot 292, Bildtafel VIII.
- Lepke Auktion 1569 Sammlung Matkowsky, Berlin 15. u. 16. Februar 1910. Lot 392.
- Philipp Maria Halm und Rudolf Berliner: Das Hallesche Heiltum, Berlin 1931. Zum Typus
des Plenariums siehe Tafel 6a und b, 7a und 52.
- Les Fastes Du Gothique. Paris 1981. Vergleiche zwei Propheten um 1409 S. 272, Nr. 224.
- Johann Michael Fritz: Gestochene Bilder, Köln 1966. Zum Typus des Reliquienkreuzes siehe
S. 150 Abb. 119, S.280 Abb.256 und S. 496 Abb.345.
- Dietrich Kötzsche: Domgemeinde St. Servatii Quedlinburg, Der Quedlinburger Domschatz,
Berlin 1992. Zum Typus des Reliquienkreuzes siehe S. 104 und 105, Abb. 38 bis 41.

Über den ursprünglichen Kontext der zehn gotischen Reliefplatten können wir heute nur
spekulieren. Naheliegend ist die Theorie, dass es sich hier um das Beschlagwerk von
Buchdeckeln gehandelt haben könnte. Das es sich bei den Tafeln um eine äußerst
qualitätvolle Treibarbeit aus der Hand eines mittelalterlichen Goldschmiedes handelt und
eine Einheit bilden ist sicherlich unbestreitbar.
Auch zu welchem Zwecke die Adaption der Tafel diente ist unklar. Da die Plaketten der
Wappenkartuschen fehlen, gibt lediglich das Wappen der Abtei Corbie auf der Innenseite
einen Anhaltspunkt zu weiteren Forschungen.
Über die Verarbeitung der Reliefs schreibt Beumers in seinem Gutachten von 1925: "...das
mir erneut vorgelegte Diptychon habe ich nochmals eingehend geprüft, verschiedene Teile
abmontiert, um diese genaustens untersuchen zu können,..., die Hauptteile desselben, die 2
Mittel- und 8 Eckplatten alt, etwa 14. Jahrhundert sind... Die 2 Mittelplatten,
desgleichen die Eckplatten sind getrieben....Das Aussehen der Platten von der Rückseite
ist, wie ich dies des öfteren vorgefunden habe. Das Silber der Mittelplatten war
zweifellos spröde durch irgend welche Verunreinigungen beim Schmelzen, dadurch brüchig.
Infolgedessen musste der Verfertiger die Bruchstellen flicken. Dazu war es nötig, kleine
Silberstücke aufzulegen, die auf der Rückseite in die Erscheinung treten. Wenn man nun in
Betracht zieht, dass zu der Zeit erstens die Lotlegierungen noch viel zu wünschen übrig
liessen, zweitens alles im Holzkohlenfeuer gelötet werden musste, wird sich kein
Fachmann, der mit solchen Arbeiten vertraut ist, über das Aussehen der Platten wundern.
Die Platten sind sehr oft ins Feuer gekommen, um neue Bruchstellen wieder auszubessern.
Dadurch ist das Lot wurmig und rauh geworden, weil die Lotlegierungen der damaligen Zeit
nicht wie unsere heutigen Lotlegierungen des Oefteren in Fluss gebracht werden können.
Dazu kommt noch, dass die Verunreinigungen durch Kohlenfeuer beim Löten ein glattes
Wegfliessen des Lotes verhindern. Mit unseren heutigen Lotlegierungen wäre es kaum
möglich, den Lotstellen ein solches Aussehen zu geben, weil dasselbe viel glatter
auseinanderfliesst. Die Flickstellen, die Lötstellen der Perlränder bei den großen Platten
sind charakteristisch für die Zeit. Die Eckplatten weisen stellenweise dieselben
Flickstellen auf. Hier war das Silber aber erstens nicht so spröde, wie bei den grossen
Platten, zweitens war das Verlöten der einzelnen Bruchstellen viel leichter, weil die
Platten kleiner sind. Die Lötstellen sind glatter geblieben, weil diese kleinen Platten
nur einmal verlötet werden brauchen, infolge dessen das Lot nicht rauh und wurmig, resp.
porig wurde. Die Vergoldung ist eine gute Feuervergoldung, hergestellt aus reinem
Feingold, im Gegensatz zu den schmalen Streifen mit kleinen Figuren neben den
Mittelplatten. Wäre das Stück zum Zwecke der Fälschung gemacht, hätte der Fälscher auch
hier zweifelslos dieselbe Vergoldung verwendet und dieselben Farben erzielt. Die
Seitenstreifen sind auch feuervergoldet, bei weitem nicht so stark. Ausserdem war das
Gold, welches zur Herstellung des Amalgams verwandt worden ist, nicht rein, sondern hatte
einen geringen Zusatz von Silber. Dadurch ist die Farbe heller und nicht so sattgelb, wie
bei den Mittel- und Eckplatten. Die Seitenstreifen sind auch in Technik und Ausführung
entsprechend der Zeit. Zweifellos rühren diese aber von einer anderen Arbeit her. Die
silberne Umrahmung ist ebenfalls alt, desgleichen der gestickte Ueberzug. Neu sind die 4
Platten mit Steinen, oben und unten (heute verloren), das Holz des Diptychons ist auch
alt. Die alten Nagellöcher sind stellenweise mit kleinen Holzstückchen verleimt, um für
die Nägel wieder Halt zu bekommen."
Frederic Spitzer (1815-1890) zählte zu den einflussreichsten Kunsthändlern des 19.
Jahrhunderts. Insbesondere durch seine engen Geschäftsbeziehungen zu dem Aachener
Goldschmied Reinhold Vasters wird Spitzers Tätigkeit heute oft mehr als ambivalent
betrachtet.
Spitzer verfügte, dass seine eigene Sammlung drei Jahre nach seinem Tod versteigert werden
sollte. Dies geschah im Jahre 1893. Hierzu heißt es im Kunstgewerbeblatt von 1893: "Der
Verkauf der Spitzer'schen Sammlung. So ist es denn im Rate der Götter beschlossen: am
Donnerstag den 17. April im Jahre des Heils 1893 beginnt zu Paris im Palais Rue Villejust
33 la plus grande vente du siècle, wie der Katalog sagt, die Versteigerung der Kollektion
Spitzer .... Es wird ein wahrer Hexensabbath werden: au fin du siècle il y aura aussi la
plus grande vente du siècle. Die Versteigerung währt vom 17. April bis 16. Juni mit
Unterbrechung von neun Tagen...".
Der Gesamterlös der Versteigerung belief sich damals auf 10.000.000 Francs.
Der königlich preußische Hofschauspieler Adalbert Matkowsky war eine der wichtigsten
Persönlichkeiten des Berliner Theaterlebens. Er galt als der bedeutendste
Shakespeare-Interpret der Jahrhundertwende. Engagements u.a. in St. Petersburg und New
York unterstrichen seinen künstlerischen Stellenwert.
Seine überaus beachtliche Kunstsammlung umfasste alle Bereiche des Kunsthandwerks. Der
Lepke Katalog von 1910 beinhaltete 593 Lose von oft beeindruckender Qualität. Der
Literaturwissenschaftler Arthur Eloesser würdigte das Schaffen Matkowskys als Künster und
Sammler ausführlich im Vorwort des Kataloges.
Der Kunsthistoriker Dr. Alfred Schubert galt als ausgesuchter Experte und Sammler frühen
Kunsthandwerks.
Am Kunstmuseum Düsseldorf, dem heutigen Museum Kunstpalast war er als Kurator für
Kunsthandwerk lange Zeit tätig.

Unser ganz besonderer Dank für viele wichtige Hinweise gilt:
Dr. Leonie Becks, Marina Cremer, Matthias Deml, Prof. Dr. Dr. Johann Michael Fritz,
Dr. Klaus Hardering und Lothar Schmitt.

Sie wollen ein ähnliches Objekt verkaufen?

Sie möchten zukünftig Angebote zu erhalten?

Newsletter Suchkartei

VAN HAM erzielt regelmäßig sehr gute Ergebnisse für Werke von .

327. Europäisches Kunstgewerbe,
16.11.2013, Los 1203,
Taxe: € 50.000
Ergebnis: € 109.650

Schlagwörter

Frankreich Relief