Friedrich Nerly: Partie in Venedig aus unserer Rubrik: Gemälde Neuerer Meister
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Friedrich Nerly

1807 Erfurt

Alte Kunst am 21.04.2007, Los 2203


Nerly, Friedrich
1807 Erfurt - 1878 Venedig

Blick über das Bacino di San Marco in Venedig mit Panorama von S. Maria della Salute bis zu den Kuppeln von S. Marco bei Sonnenuntergang. Erste Hälfte 1840er Jahre. Öl auf Leinwand. 80 x 119cm. Signiert unten links auf einem Bootsrumpf: F. Nerly. Rahmen.

Das Gemälde wurde auf Veranlassung von Van Ham einer Oberflächenreinigung unterzogen und ein kleiner Leinwandschaden links im Himmel geschlossen

Gutachten:
Dr. Wolfram Morath-Vogel, Erfurt, März 2007.

Das einwandfrei eigenhändig signierte Bild ist in der Bildanlage, in Technik und Ausführung sowie im spätromantischen Stimmungsgehalt im Ganzen wie im Detail für Friedrich Nerly charakteristisch; an seiner Autorschaft kann kein Zweifel bestehen. Darüber hinaus ist das anspruchsvolle Werk hinsichtlich seiner kompositorischen und koloristischen Qualitäten, der luziden planimetrischen Bildordnung und der atmospärisch geschlossenen Gesamterscheinung als ein Ausnahmestück im umfangreichen Schaffen Nerlys zu betrachten. Das prächtige, großformatige Bild steht in teils offensichtlicher, teils indirekter Verbindung zu den bekannten Kompositionen, die der Maler zum Themenkreis des abendlichen und insbesondere des nächtlichen Venedig geschaffen hat; so findet sich die Verbindung von repräsentativer Architektur, romantischer Lichtstimmung und still auf der Lagune liegenden Segelschiffen bereits in einem häufig variierten Hauptwerk der frühen venezianischen Jahre: "Die Piazzetta in Venedig bei Mondschein" (Fassung von ca. 1838 im Angermuseum Erfurt, Inv.-Nr. 3019).

Kein zweiter Maler des 19. Jahrhunderts war in seinem Schaffen von der märchenhaften Stadtschönheit Venedigs so nachhaltig - über vier Jahrzehnte lang - fasziniert und inspiriert wie der aus Erfurt stammende Rumohr-Schüler, zeitweilige Deutschrömer und spätere Wahlvenezianer Friedrich Nerly (eigentlich: Nerlich), der von 1837 bis zu seinem Tod 1878 in der Lagunenstadt gelebt hat. Der Besuch seines Ateliers im Palazzo Pisani gehörte zu den Attraktionen des Venedigaufenthalts ranghoher Persönlichkeiten, insbesondere aus den Kreisen der europäischen Aristokratie, für deren Bedürfnisse Nerly, der keine Schüler oder Gehilfen beschäftigte, oft auf Bestellung zahlreiche Venedig-Ansichten geschaffen hat. Viele seiner damals bewunderten Venedig-Motive sind deshalb in eigenhändigen Varianten überliefert, wobei besonders das im abendlichen Zwielicht verklärte und das nächtliche Venedig im Mondschein zu Klassikern seiner Kunst geworden sind.

Dargestellt ist von einem auf dem Wasser anzunehmenden Standpunkt der Blick vom Markusbecken gegen Westen auf das eindrucksvolle Panorama zwischen Salutekirche und Markuskirche mit dem Campanile di San Marco als stärkstem vertikalen Akzent. Am sorgfältig perspektivierten Dogenpalast und der Piazzetta mit Marcus-Säule und Theodorsäule sowie der dahinter gelagerten Libreria Sansovinos entlang wird der Blick in die Tiefe des Canal Grande geführt. Die motivisch vorgegebene Tiefendynamik erscheint mit Bedacht gebremst durch die visuelle Dominanz der zusammenfassenden großen Silhouette der Stadt im Abendlicht; entsprechend ist das ruhig ausgebreitete Wasser des Vordergrundes nicht eigentlich als Wasserstraße, eher als Wasserplatz aufgefaßt, alles scheint zu verharren in der betörenden Zuständlichkeit einer bildschönen, aber vorübergehenden Stunde. Mit dem großartigen Anblick verbindet Nerly eine zarte Equilibristik, in der etwas vom Wesen der Stadt auf dem Wasser sich ausspricht: dem festgefügten Campanile rechts antwortet in der linken Bildhälfte die Gruppe der gestaffelten großen Segelschiffe mit gerefften Segeln, deren Masten und Tauwerk sich fragil und die Grundrichtungen betonend gegen den weiten Himmel abzeichnen; die Kuppeln der Salute finden ein gleichsam vervielfältigtes, feines Echo in den Markuskuppeln, die dem Panorama rechts den Abschluß geben. Das Majestätische der Serenissima und die Grenzenlosigkeit des Abendhimmels erscheinen als Teile ein und derselben Ordnung, was freilich schon zu Zeiten Nerlys nicht frei war von nostalgischen Untertönen. Tatsächlich erinnert sein bildgebendes Verfahren von fern an Bellottos berühmte Ansicht Wiens vom Belvedere aus gesehen (1759), wo der gebürtige Venezianer die Kuppel der Karlskirche links der des Salesianerinnenklosters rechts antworten läßt, mit der förmlich austarierten Nadelspitze des Stephansturmes in der Mitte. Dabei wird man nicht übersehen dürfen, daß Nerly zum einen die große Tradition der klassischen venezianischen Vedutenmalerei im Rücken hatte, die von Luca Carlevaris über dessen Schüler Antonio Canaletto bis zu Francesco Guardi reichte; zum andern ist er als Maler der nachnapoleonischen Ära von der Sicherheit und den Überzeugungen des Spätbarock gründlich geschieden. Schon die Segelschiffe - auch sie, wie die hohen reinen Himmel, ein Erbe der romantischen Malerei - mußten im Zeitalter der aufkommenden Dampfschiffahrt an vergangene Zeiten erinnern, und nicht selten findet sich in Nerlys Darstellungen der bewunderten Stadt ein historisierender Zug. 1845 beklagt sich Nerly in einem Brief an Gottfried von Schadow darüber, daß "die Erneuerungs- und Verbesserungswut an den Palästen dermaßen um sich gegriffen" habe, "daß auf diesem Wege die Erinnerung an eine große Vorzeit nach und nach verschwinden muß". Das vorliegende Bild ist eine Huldigung an die noch ungestörte Bildschönheit der alten Königin der Meere. Nerly selbst vermochte die Höhe dieser Sicht nicht durchzuhalten; gegen Ende seines Lebens überwog mehr und mehr der touristische Blick auf die Stadt, was zweifellos ein Mitgrund war für die lange Vergessenheit eines Malers, der in seinen besten Leistungen neu zu entdecken ist. -
Hinsichtlich der Datierung erscheint im Kontext der stilistischen Gesamtentwicklung des Malers eine Entstehung in der ersten Hälfte der vierziger Jahre überzeugend

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