Raden Saleh Ben Jaggia: In letzer Not aus unserer Rubrik: Gemälde Neuerer Meister
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Raden Saleh Ben Jaggia

1811 Samarang (Java) - 1880 Buitenzorg

Alte Kunst, Gemälde und Skulpturen am 13.05.2011, Los 638


Saleh Ben Jaggia, Raden
1811 Samarang (Java) - 1880 Buitenzorg

In letzer Not. Öl auf Leinwand. 154 x 168,5cm. Signiert und datiert unten links: Raden Saleh 1842. Rahmen (194 x 207cm).

Provenienz:
- 1842 direkt vom Künstler durch Adolf H. Schletter
(1793 - 1853) erworben;
- in den 20./30. Jahren des 20. Jh. Privatsammlung NRW, durch Erbfolge bis heute.

Es handelt sich hierbei um das größte bislang bekannte Gemälde von Raden Saleh.
In Kooperation mit Sascha Tyrra Kunstvermittlung



Gutachten: Dr.Werner Kraus, Passau, März 2011

"Zwei Pole, einander entgegengesetzt und doch beide hell und freundlich, üben auf meine Seele einen mächtigen Zauber aus. Dort das Paradies meiner Kindheit im heißen Sonnenstrahl und von Hindostans Ozean umrauscht, wo meine Lieben wohnen und die Asche meiner Ahnen ruht, hier Europas glücklichste Länder, leuchtend im Diamantgeschmeide der Kunst, Wissenschaft und hohen Bildung, wohin die Sehnsucht meiner Jugend mich zog, wo ich mehr fand als die kühnsten heimatlichen Träume mich ahnen ließen, wo ich so glücklich war, unter den Edelsten Freunde zu finden, die mir Vater, Mutter, Brüder und Schwestern ersetzten - zwischen beiden ist mein Herz geteilt."

Mit diesen Sätzen eröffnete der javanische Maler Raden Saleh, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern können, seine Autobiographie, die er am 25. Januar 1849 seinen Dresdener Freunden übergab. Nach einer glücklichen und künstlerisch erfolgreichen Zeit nahm er damit Abschied von seiner "zweiten Heimat" und bereitete sich auf die Rückkehr nach Java vor. In den zurückliegenden 10 Jahren hatte er sich als herausragender orientalistischer Maler innerhalb der spätromantischen Kunst Dresdens etabliert, gesellschaftliche und persönliche Anerkennung erhalten.

Nach dem er seit 1840 mit orientalischen Jagdbildern viel Aufmerksamkeit erregt hatte, begann er sich 1842 einem neuen Kompositionsschema zuzuwenden. Nämlich der Beziehung zwischen angreifenden Löwen, fliehendem Pferd und überraschtem Reiter. Kernaussage dieser motivischen Anordnung ist die Überlegenheit des Ungezähmten über das Domestizierte, der Natur über die Kultur. Um die Dramatik dieser Auseinandersetzung zu erhöhen, plazierte er die Gruppe in eine dramatische Landschaft: Schlucht, Wasserfall und orientalische Flora. Damit bediente er exemplarisch die spätromantische Vorstellung vom orientalischen Anderen. Das konstruierte Andere, das Wilde, stand scharf im Gegensatz zur behüteten bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts. Der wohlige Schauer den es erzeugte, war kalkulier- und beherrschbar, war eine Theaterangst. Raden Saleh bediente mit seiner Kunst bewusst gesellschaftliche Erwartungen.

Das hier vorgestellte Bild ist der Höhepunkt dieser thematischen Entwicklung. Mit einer Reihe von Skizzen, Vorzeichnungen und Ölbildern im Kleinformat, die alle um die Lösung des gleichen Problems - wie sollen Löwe und Pferd in Beziehung gesetzt werden? - ringen, bereitete Raden Saleh den großen Wurf vor. Zunächst versuchte er, die mörderische Dynamik des angreifenden Löwen und die schiere Panik des flüchtende Pferdes zeichnerisch in den Griff zu bekommen. Zwei erhaltene Zeichnungen, die über den Skizzenstatus weit hinausgehen (Abb.1), zeigen, dass ihm dies bald gut gelungen war. Da eine der Zeichnungen der Königin von Preußen geschenkt wurde, können wir davon ausgehen, dass Raden Saleh mit dem Ergebnis zufrieden war. Der schnelle Erfolg mag auch daran gelegen haben, dass er für die Lösung des panischen Pferdes auf ein bekanntes Werk von Horace Vernet (Mazeppa 1826), zurückgreifen konnte (Abb. 3). Saleh hatte eine besondere Vorliebe für diesen französischen Maler, dessen dynamische Kompositionen und kräftige Farbgebung ihn sehr
beeindruckten. Die Pferde auf den Skizzen, dem großen Ölbild und den späteren kleineren Formaten in Öl (eines wurde am 8.3.2011 bei Christie's Amsterdam versteigert), zeigen nicht nur die gleiche Dynamik, sondern sogar die gleiche Fellfärbung wie Vernets "Mazeppa" Pferd. Das deutet darauf hin, dass Raden Saleh dieses Zitat nicht etwa verstecken, sondern herausstellen wollte. Es ist ein Bekenntnis zur Kunstauffassung Vernets, die, wie wir wissen, im Gegensatz zu der von Delacroix stand. So gesehen ist das vorliegende Bild geradezu ein Manifest der Salehschen Kunstauffassung.

Geschichte des Bildes "In letzter Not"
Das Bild "In letzter Not" entstand im Jahr 1842, das für Saleh ein sehr fruchtbares war. Es erregte große Aufmerksamkeit und noch im gleichen Jahr erhielt der Dresdener Künstler H.F. Grünewald den Auftrag, das Gemälde zu lithographieren. Er nannte seine Lithographie "Der Löwenangriff nach Raden Saleh". Dieses Blatt wurde 1843 als Geschenkblatt der Dresdner Tiedgestiftung an alle Teilnehmer der Tiedge Lotterie verteilt und erreichte damit eine sehr große Verbreitung. (Die Tiedge Stiftung war eine wohltätige Stiftung zu Gunsten verarmter Künstler).
Eine weitere Reproduktion des Gemäldes, ein Stahlstich, wurde 1845, als Geschenk für frühe Abonnenten, der englischen Zeitschrift Payne's Universum or Pictural World beigelegt. Das Blatt wurde wie folgt angekündigt: A splendid Premium Plate, engraved in the line manner, of the "Attack of the Lion" after the picture of his H.R.H. Prince Raden Saleh, measuring 17 inches by 13 inches, printed on sheet imperial paper, and equal in execution to the plates of the art union. Die Auswahl Paynes erklärt sich dadurch, dass er einen Kunstverlag in Leipzig besaß, in dem er dieses Blatt stechen ließ. Payne's Universum wurde auch in Amerika vermarktet, so dass dieses Blatt den Künstler Raden Saleh bereits 1845 in den Staaten bekannt machte.
Diese frühe, europa- und amerikaweite Verbreitung der lithographierten, bzw. gestochenen Version des Bildes erklärt vielleicht auch, dass einige Nachzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert existieren. Eine davon wurde am 12.03.2011 vom Auktionshaus Larasati in Singapur als Originalzeichnung Raden Saleh angeboten, wurde dann aber zurückgezogen, nach Aufklärung des Sachverhaltes durch mich.

Obgleich das Bild schon nach seiner Fertigstellung die Zeitgenossen faszinierte, wurde es zu keiner Ausstellung eingeliefert. Der Grund dafür scheint in seiner frühen Erwerbung gelegen zu haben. Raden Saleh berichtet in einem Brief an den holländischen Kolonialminister J.C. Baud (geschrieben am 17. Mai 1844 auf Schloss Callenberg bei Coburg), dass er an den Leipziger Sammler Adolf Heinrich Schletter zwei Bilder verkauft hat:

"Die Dresden saya soedah bikin djoega gambar darie Djawa orang boeroe sapie oetan (Banteng). Jang kedoeanja satu orang Arab (Bedoeinen) naek koeda satoe singga tangkep sama diea, inie doea gambar die bellie katoean Schletter die Leipzig arga 200 lui d'ore."

In Dresden habe ich Bilder mit javanischen Motiven gemalt, nämlich Javaner, die auf der Stierjagd sind. Ein zweites stellt einen Araber (Beduinen) dar, der auf einem Pferd reitet, das von einem Löwen angegriffen wird. Diese beiden Bilder habe ich an Herrn Schletter aus Leipzig verkauft, für den Preis von 200 Louis d'ore. (Übersetzung Werner Kraus) (Da ein Louis d'ore 6,7 g wog und aus 22 karätigem Gold bestand, bekam Raden Saleh für die beiden Bilder 1,34 Kilogramm 22 karätiges Gold bezahlt, bzw. für die "Löwen-Attacke" 0,67 kg, ein unglaublich hoher Preis für ein Bild in jener Zeit.)

Adolf Heinrich Schletter, der drei Bilder von Raden Saleh besaß, war einer der bedeutendsten Kunstsammler Sachsens. Er verfügte in seinem Testament, dass seine 80 Bilder Grundstock eines zu bauenden Museums in Leipzig, das heutige Museum der bildenden Künste, werden sollten. Bei der Übergabe der Bilder befand sich allerdings nur noch die "Stierjagd" in der Sammlung.
Die beiden anderen Saleh Bilder, "Männliches Bildnis" und "In letzter Not" waren bereits herausgenommen worden. In wessen Besitz sich die "letzte Not" nach Schletter befand ist nicht bekannt. Mit großer Wahrscheinlichkeit blieb es in einer deutschen Sammlung.

Die oben skizzierte Werkgeschichte zeigt also, dass das Bild "In letzter Not" schon von den Zeitgenossen als ein großes und bedeutsames erkannt wurde. Nicht nur erzielte es einen ungewöhnlich hohen Preis, sondern es wurde auch mehrere Male graphisch reproduziert. Es muss für eine Zeit in der Öffentlichkeit sehr präsent gewesen sein und es ist schwer zu erklären, weshalb es vergessen und erst jetzt wieder aufgefunden wurde.
Das imposante Gemälde weist nur geringe Altretuschen und sehr geringe Leinwandschäden auf. Es ist nicht doubliert. Der Keilrahmen und der vergoldete Rahmen sind vermutlich original. Der Gesamtzustand kann als sehr gut bezeichnet werden.

Das Gemälde "In letzter Not", das 1842 in Dresden gemalt wurde, ist ohne jeden Zweifel ein originales Werk des Raden Saleh.

Passau, 23. März 2011

Dr. Werner Kraus
Direktor
Centre for Southeast Asian Art

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