Venedig 13849-24418, Auktion 320 Los 570, Van Ham Alte Kunst
Friedrich Nerly: Venedig aus unserer Rubrik: Gemälde Neuerer Meister
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Friedrich Nerly

1807 Erfurt - 1878 Venedig

Alte Kunst am 17.05.2013, Los 570, Ergebnis: € 90.300 (inkl. Aufgeld)

Nerly, Friedrich
1807 Erfurt - 1878 Venedig

Venedig. Blick über das Markusbecken auf Santa Maria della Salute. Signiert unten rechts: Nerly. Öl auf Leinwand. 65 x 98cm. Rahmen.

Rückseitig:
"F. Nerly in Venedig. f. 1855".

Gutachten:
Dr. Wolfram Morath-Vogel, Erfurt, April 2013.

"Das vorliegende Gemälde habe ich im März 2013 im Original untersucht. Es handelt sich
meiner Überzeugung nach um ein authentisches Werk von Friedrich Nerly (1807 - 1878), das
in der Gesamtanlage wie in der Ausführung alle Merkmale der Eigenhändigkeit zeigt.

"Venedig und immer Venedig, von allen Seiten, groß und klein, zur alten und jetzigen Zeit"
sei sein unerschöpfliches Thema, schreibt Nerly am 3. Oktober 1845 an den preußischen
Oberbaurat Albert Dietrich Schadow nach Potsdam. Die malerische Auseinandersetzung mit der
gleichsam amphibischen Lagunenstadt bildet den Schwerpunkt seines Lebenswerks; dabei steht
der Blick auf das nächtliche Venedig im Kernbereich seines ausgreifenden Schaffens. Die
bald nach seiner 1837 erfolgten Übersiedlung von Rom nach Venedig konzipierte "Piazzetta
bei Mondschein" (Erstfassung von 1838 im Angermuseum Erfurt), die in zahlreichen
eigenhändigen, immer leicht variierenden Fassungen überliefert ist, wurde zum Klassiker
seiner Kunst. Zugleich hat Nerlys Sicht auf die Stadt deren eigentümliche Bildgeschichte
fortgeschrieben und tradierend verwandelt.

Unter den nach dem Dreißigjährigen Krieg in ganz Europa verstärkt aufkommenden, gemalten
Stadtansichten behaupten seit dem 17. Jahrhundert die Darstellungen der Serenissima eine
Sonderstellung. Wohl keine zweite Stadt Europas ist unter dem Aspekt ihrer Bildschönheit
so differenziert und kontinuierlich zum Thema gemacht worden wie Venedig: Markusplatz,
Canal grande und Rialtobrücke, Dogenpalast und Seufzerbrücke, Sansovinos Libreria,
Prokuratien und Piazzetta sowie zahllose campi, Paläste und Kirchenfassaden wurden ins
Bild gesetzt und haben die Stadt auch bildgeschichtlich zum Denkmal gemacht. Der Blick
über das Bacino di San Marco auf die Punta della Dogana und auf die gewaltige Kuppel von
S. Maria della Salute (erbaut 1631-87) gehört schon früh zu den Hauptansichten der
vedutisti, wie lange vor Nerlys Auftreten Beispiele von Gaspar van Wittel (gen.
Vanvitelli, 1652/53 - 1736), Michele Marieschi (1710 - 1743), Roberto Roberti (1788 -
1837), Giuseppe Bernardino Bison (1762 - 1844) und viele weitere belegen. Doch die
spätromantische Verbindung des großartigen Anblicks der wie aus dem Meer still und
märchenhaft auftauchenden Stadt mit den Übergangszuständen der Dämmerung und der
mondhellen Nacht bleibt Nerlys eigenste Leistung. Das eingangs "amphibisch" genannte Wesen
Venedigs wird von Nerly konsequent als Zugehörigkeit zu zwei Welten, einer äußeren und
inneren zugleich aufgefaßt, als der Realität und der Phantasie angehörendes Phänomen, das
seine volle Wirklichkeit jenseits der bloß greif- und sichtbaren Tatsächlichkeit zur
Geltung bringt. Nerly entwickelt die bildmäßige Erscheinungsruhe der nächtlichen Vision
unter klarer Bezugnahme auf die Grundrichtungen der Fläche, motivisch gesprochen: aus der
mondbeglänzten Equilibristik der nur vom Ruderschlag der Gondolieri im Vordergrund leise
bewegten, ruhigen Wasserfläche und den Vertikalen der Architekturen sowie der abgetakelten
Masten still liegender Segelschiffe; letztere beschwören im Zeitalter der aufkommenden
Dampfschiffahrt eine zum Zeitpunkt der Bildentstehung längst im Schwinden begriffene Welt,
die schon zu Nerlys Zeit Erinnerung geworden war. Die Segler ebenso wie die noch von
keiner Gaslaterne gestörte Mondnacht vermeiden die Beschreibung der Fakten im Zeitalter
der aufkommenden Gasbeleuchtung, die Nerly mit weiteren Modernisierungen brieflich
beklagte als Zerstörung seines geliebten Venedig, dessen Traumschönheit den Rückzug in die
Bilderträume längst angetreten hatte. Das topographische Motiv des Bildes hat Nerly schon
mindestens zehn Jahre vorher durchentwickelt; sein nahezu motivgleicher Blick auf S. Maria
della Salute gen Westen bei beginnender Abenddämmerung - ohne Mond, die Abendsonne von der
Kirchenkuppel verdeckt - ist 1845 datiert (Öl auf Leinwand, 59,5 x 82,5 cm, ehem. Besitz
Fam. von Waldenburg). Das vorliegende Werk akzentuiert die optische Zwiesprache zwischen
dem vollen Mond und der Salutekirche, deren "äußere Kuppelwölbung wie eine große
leuchtende Kugel emportaucht" (E. Hubala). Die Korrespondenz zwischen leuchtendem
Himmelskörper und verschatteter Kirchenkuppel erscheint, wiederum in Übereinstimmung mit
den Hauptachsen der Fläche, geistvoll abgewandelt und gleichsam räumlich gedehnt in der
Korrespondenz zwischen dem verschatteten Turm der Dogana da Mar mit vergoldetem Erdball
(auf dessen höchster Stelle die Bronzefigur der Fortuna als Glücksfigur der Handelsherren
und Kaufleute sich im Winde dreht) und dem vom Mond hell beleuchteten, polygonalen
Baukörper am rechten Bildrand. Generell hat Nerly seine Werke gern in Varianten
wiederholt, frühere Bilder niemals buchstäblich kopiert. Den Grundgedanken der
Korrespondenz von Vollmond und Kirchenkuppel in Verbindung mit dem samt Beibooten fast
identischen Segelschiff rechts unter Betonung der Grundrichtungen und bei identischer
farbiger Haltung hat Nerly zeitgleich zum vorliegenden Bild erneut aufgegriffen in seinem
Nachtstück von Insel und Kirche San Giorgio Maggiore bei Mondschein (Angermuseum Erfurt,
Inv.-Nr. 3042). Es hat in der fast genau maßgleichen Ansicht von S. Maria della Salute bei
Sonnenuntergang (die Sonne von der Kuppel verdeckt) sein Gegenstück (Angermuseum Erfurt,
Inv.-Nr. 3377).

Nerly selbst konnte noch erleben, wie die jüngeren der mitlebenden Künstlerkollegen, von
Oswald Achenbach über Carl Schuch bis Gustav Schönleber, Venedig gleichsam entzaubert zur
Darstellung brachten; Max Liebermann entwickelte seine impressionistische Sicht auf
Venedig 1878, in Nerlys Todesjahr. Nerly verteidigte seine spätromantische, von jüngeren
Entwicklungen bald überholte Sicht bis zuletzt; rückblickend behält die Gesamtleistung
seiner über vier Jahrzehnte währenden, malenden Auseinandersetzung mit der Stadt die
Geltung des Hauptbeitrages zur Ikonographie Venedigs im 19. Jahrhundert."

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