Carl von Marr - Der Nachlass aus der Villa Messerschmitt

Entdeckung eines Kunstschatzes in München.

Kunsthändler sind dauernd auf Schatzsuche. Die Entdeckung bislang unbekannter Werke im ursprünglichen Zustand von einem bedeutenden Maler – davon träumt auch jeder leidenschaftliche Sammler oder engagierte Kurator. 


Im Münchner Wohnhaus des deutsch-amerikanischen Künstlers Carl von Marr (1858 – 1936) hat Van Ham nun einen solch außergewöhnlichen Fund gemacht: Der Nachlass des Malers ist in seiner unberührten Geschlossenheit und originalen Beschaffenheit nahezu einzigartig. Von Marr gehört zu den Künstlerpersönlichkeiten, um die es in Zeiten von Pop Art und Zero eher still geworden ist – dabei prägte er die Kunstszene Anfang des 20. Jahrhunderts, insbesondere in München, wie kaum ein anderer. Aber von Anfang: Carl von Marr war ein Weltenbummler, der mit 17 Jahren bereits das Elternhaus in seiner Geburtsstadt Milwaukee verließ, um Kunst in Weimar, Berlin und München zu studieren. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts pendelte von Marr zwischen den Kontinenten, machte sich einen Namen als transatlantischer Förderer der europäischen Kunst und Organisator zahlreicher Ausstellungen in den USA. Dort ist er bis heute auch weitaus bekannter als in Deutschland und wird in vielen renommierten Museen gezeigt. So ist ihm im Museum of Wisconsin Art in seiner Heimat sogar ein ganzer Flügel gewidmet. Jedoch zog es Carl von Marr, den Amerikaner mit deutschen Wurzeln, in das Land seiner Väter: Wohl fühlte er sich in seinem Atelier, in seinem Haus in München. Dort hat der sehr früh sehr erfolgreiche und hochdekorierte Maler in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg von 1919 bis 1924 als Direktor der Münchener Kunstakademie gewirkt. Als prägende Figur hat er die internationale Ausrichtung der Königlichen Akademie der Bildenden Künste forciert. Ihm hat das München der Jahrhundertwende seinen Ruf als große Künstlerstadt zu verdanken. München dagegen wurde für den Rest seines Lebens zu Marrs festem Angelpunkt und die „Villa Messerschmitt“ zu seinem Mittelpunkt, in der bis zu seinem frühen Tode sein enger Freund Pius Ferdinand Messerschmitt lebte. Im Folgejahr heiratete von Marr dessen Witwe Else und bezog das Anwesen in der Villenkolonie Solln. Dort war er umgeben von zahlreichen Künstlern, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts im südlichsten Münchner Stadtteil niedergelassen hatten. In der Villa, die bis heute von den nachfolgenden Generationen unterhalten wurde, hat Carl von Marr seine persönlichsten Schätze versammelt, die nun endlich wieder zum Vorschein gekommen sind. 

Dabei ist es einmalig und von unschätzbarem Wert, dass der Nachlass fast ein Jahrhundert im Verborgenen schlummerte. In sich geschlossen verblieb er in der Villa in München-Solln, das Jahrzehnte lang der Familie als Wohnung diente. Der Fund eines solchen Konvoluts, der neben bislang unentdeckten Porträts und Gemälden, Zeichnungen und Studien, auch das historische Inventar sowie persönliche Gegenstände des Künstlers zu Tage gefördert hat, ist von ganz besonderer kunsthistorischer Bedeutung. 

Und wie so oft im Leben verbarg auch Carl von Marr seine wahren Schätze auf dem staubigen Dachboden. Dort auf dem Speicher und im Treppenhaus wurden drei seiner bedeutenden und bislang in der Forschung nicht dokumentierten Gemälde entdeckt. Ans Licht der Öffentlichkeit gelangen nun zum ersten Mal die großformatigen, nahezu zwei mal zwei Meter großen Leinwände mit Titeln wie „Der sinkende Tag“, „Der Maler“ und „Der Schritt der Zeit“, die der Künstler offenbar für sich und seine Familie behalten wollte. Sogar für Thomas Lidtke, den langjährigen Marr-Forscher und ehemaligen Museumsleiter des Museum of Wisconsin Art, stellen sie eine große Überraschung dar, wie er in seinem, eigens für diesen Sonderkatalog verfassten, Essay schreibt. 

Die bislang verschollenen Gemälde, ferner 20 Porträts der Familie, 25 Studien, Entwürfe und Ölskizzen, Zeichnungen, Gouachen und Aquarelle sowie Fotos und Möbel, die aus dem Nachlass nun im Rahmen des Van Ham Art Estate-Programms versteigert werden, gewähren einen seltenen und einzigartigen Einblick ist das Leben eines der bedeutendsten amerikanisch-deutschen Künstler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. 

Die Kunstwerke demonstrieren beispielhaft Marrs stilistische Entwicklung. Wobei vor allem die monumentalen Gemälde von zentraler Bedeutung sind. So zeigt „Der Schritt der Zeit“ exemplarisch sein Interesse an der antiken Mythologie, die er in großformatigen Allegorien zum Ausdruck bringt. „Der sinkende Tag“ - eine Farbexplosion mit symbolischem Hintergrund - verdeutlicht seine Neigung für religiöse Themen und den Kreislauf des Lebens. Das persönlichste dieser drei Werke ist das schlicht „Der Maler“ genannte Porträt des Künstlers vor seiner Leinwand. Dieses Gemälde zeigt deutliche Anklänge zum „sinkenden Tag“, so dass der Betrachter geneigt ist den davor stehenden Künstler in seinem Malkittel als Selbstporträt Marrs zu sehen. Der Dargestellte ist jedoch kein anderer als Pius Ferdinand Messerschmitt. Carl von Marr hat seinen Freund mit Pinsel und Farbtöpfchen in der Hand vor einer großen Leinwand in Szene gesetzt, die stark an den „sinkenden Tag“ erinnert. Es dürfte ein Detail des „Engelsturzes“ sein, eine Deckenausmalung, die sie als gemeinsames Projektes 1907/08 in der Kirche St. Michael in Burgsinn fertigten. Die Tatsache, dass Marr auch dieses Gemälde nicht für den Verkauf freigegeben hat, zeigt wie wichtig es dem Künstler war. Ungeachtet der öffentlichen Bedeutung bekommt der spektakuläre Sammlungs-Fund so zusätzlich eine sehr persönliche Note. Fast möchte man es einen doppelten Nachlass nennen. Denn die im gleichen Jahr geborenen Freunde arbeiteten gemeinsam an großen Aufträgen und übten im Kleinen an gleichen Themen. Ihre Verbundenheit zeigte sich nicht nur in der Arbeit, sondern auch im Privaten und über den Tod hinaus – sie liegen im selben Grab auf dem Friedhof Solln. 

Dieser Münchner Kunstfund bietet der Forschung nun frisches Material, das der Auseinandersetzung mit Carl von Marr neuen Anreiz verleihen dürfte und der Bedeutung des Malers in der deutschen Kunstgeschichte und insbesondere für München in neuem, helleren Licht erscheinen lässt. 


Carl von Marr - Nachlass aus der Villa Messerschmitt

Auktion: November 2015