Sammlung Dr. Otto Schwend

Als "mittlere Truhe" bezeichnete Dr. Otto Schwend in seinen Lebenserinnerungen die prägenden Jahre von 1923 bis 1938 in China und Siam. Dass dieser Lebensabschnitt einer mit Eindrücken und Erlebnissen reich gefüllten Truhe ähnelt, lässt sich leicht nachvollziehen.


Geboren wird Otto Schwend am 19. April 1892 in Gaildorf bei Schwäbisch Hall als jüngstes von sechs Geschwistern. Die Eltern besitzen eine alteingesessene Buchdruckerei in Schwäbisch Hall. Trotz dieser familiären Tradition entschließt er sich 1910 zu einem Studium der Medizin. Studienorte sind u.a. Tübingen, München und Kiel. Kaum hatte Schwend sein Medizinstudium abgeschlossen, brachen die Schrecken des Ersten Weltkriegs über Europa herein. Als Feldhilfsarzt wird der junge Mediziner zum Kriegsdienst eingezogen. Als junger Mann zeigter hier große Hilfsbereitschaft und Engagement. 1918 erhält er dafür die Württembergische Goldene Militär-Verdienstmedaille; aber auch später in seiner Zeit in Siam wird ihm sein ehrenwertes Verhalten im Ersten Weltkrieg von Nutzen sein. Nachdem Krieg ist Schwend zunächst als Assistenzarzt in Ulm und Tübingen tätig und geht dann 1920 nach Wyck auf Föhr und arbeitet als Assistent des berühmten Dr. Haeberlin im Nordsee-Hospital.

Von dort wendet er sich auch 1921 erstmals an die Rheinische Mission in Wuppertal, um sich als Missionsarzt zu bewerben. Nur einen Monat später teilt ihm die Rheinische Mission mit, dass er als Missionsarzt für Nias oder Sumatra vorgemerkt sei. Im Dezember desselben Jahres wird eine solche Stelle frei und ihm wird mitgeteilt, dass eine Schiffspassage für den 8. April 1922 auf der "Patria" der Rotterdam Lloyd belegt sei. Doch wegen verwaltungstechnischer Schwierigkeiten der niederländischen Regierung konnte diese Ausreise nicht erfolgen.

In der Zwischenzeit heiratete Dr. Otto Schwend am 21. Januar 1922 seine Verlobte, die Medizinerin Dr. Gertrud Blochmann. Im November desselben Jahres kommt ihre Tochter Elke zur Welt.

Endlich im Januar 1923 wird Schwend als zweiter Arzt an das chinesische Missionshospital in Tungkun berufen. Am 10. Februar 1923 reist er zusammen mit seiner Frau und der kleinen Tochter an Bord der "Werra" von Hamburg nach China. Tungkun liegt im Perlflussdelta und zählt heute zu den wirtschaftlichen Zentren des modernen China. Anders jedoch in den zwanziger Jahren, einer Zeit der politischen Wirren - erst zehn Jahre zuvor ist der chinesische Kaiser gestürzt worden.Abenteuerlich waren damals die Lebensumstände - Schießereien und umherziehende Räuberbanden waren keine Seltenheit. Der Leiter des Hospitals Dr. Otto Hueck beschreibt Tungkun zu dieser Zeit wie folgt: "Die Stadt Tungkun liegt in Südchina in der Provinz Kanton (heute Guangdong) an einem Arm des Ostflusses. Ost-, Nord- und Westfluss vereinigen sich bei der Provinzhauptstadt Kanton zum Perlfluss, der nach Süden fließt und zwischen Hongkong und Macao ins Südchinesische Meer mündet....Tungkun hatte damals noch viele enge,schmutzige Straßen, auf denen die Chinesen sich drängten und Hühner, Schweine und Hunde sich herumtrieben. In den offenen Läden und Werkstätten waren die Leute fleißig beider Arbeit, die Schreiner und Schuster, Reisstampfer, Korbflechter usw. In der Hauptverkehrsstraße herrschte reges geschäftliches Leben. Lastträger riefen laut, um sich Platz zu schaffen. Sie trugen ihre schweren Lasten an einer Bambusstange über der Schulter...". (Hueck 1977)

Immer wieder bestand die Gefahr von bewaffneten Überfällen. Schwend berichtet, dass wegen der großen Unsicherheit bewaffnete Nachtwächter eingesetzt würden, die Wachdienst auf dem ganzen Hospitalgrund hatten.

Aber auch das tropische Klima des Perlflussdeltas machte das Leben für Europäer sehr anstrengend. Hueck schreibt hierzu:"... Tungkun liegt auf der Grenze von Subtropen und Tropen in einer von Flussarmen und Kanälen durchzogenen Reisebene,in der auch Zuckerrohr, Bananen und Gemüse angebaut wurden. Das Klima ist anstrengend und ermüdend. Im Frühjahr war es zuweilen so feucht, dass das Wasser an den Wänden herunterlief. Ein betäubender Duft von blühenden Bäumen durchdrang die Luft. Auch die Sommermonate mit ihrer Hitze und großen Luftfeuchtigkeit belasteten die Europäer.Im Oktober wurde es kühler und der schönste Monat des Jahres mit klarer Luft war der November. Blumen blühten in verschwenderischer Pracht. Im Winter konnte es sehr kalt werden, wenn der Nordwind von der Gobiwüste her blies." (Hueck 1977).

Das 1888 eröffnete Hospital selber war ein stattliche, im Laufe der Jahre gewachsene Einrichtung bestehend aus mehreren Häusern, getrennt für Frauen und Männer, sowie Operationssaal, Apotheke, Laboratorium, Poliklinikräume und einer Kapelle. Es war das erste Krankenhaus der Rheinischen Mission in China.

Die Familie Schwend bezog ein Haus im Zentrum von Tungkun und lebte sich sehr schnell ein. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er: "Wir lebten in Tungkun ein sehr einfaches ruhiges Leben. 2-3 Missionarsfamilien waren außer uns die einzigen Europäer in der Kreisstadt von etwa 150.000 Einwohnern. "Haus und Garten, die Mutter immer gemütlicher auszugestalten und zu verschönern suchte, waren unsere kleine Welt. Elke wuchs vergnügt heran, lernte chinesisch, ehe sie deutsch sprach und spielte mit den Chinesenkindern und mit ihren Kinderfrauen."

Otto Schwend lernt sehr schnell die chinesische Sprache und sprach in kürzester Zeit fließend Canton-Chinesisch, was ihm ermöglichte, auch enge Beziehungen zu Einheimischen zu pflegen. Sein Interesse an der chinesischen Kultur war sehr groß, und er entwickelte in kurzer Zeit eine tiefe Bewunderung für diese. Über seine Zeit in China schreibt er später einmal: "Die 3 ½ Jahre China waren eine schöne und wertvolle Lehrzeit in Ostasien gewesen. Die ganze Einstellung des Asiaten zum Europäer und umgekehrt hängt ja in erster Linie von der Einfühlungs- und Anpassungsfähigkeit des Weißen in die so ganz andersartige Welt ab... Kenntnis der Sprache erleichtert dies ungemein."

Als sein Vorgesetzter Dr. Hueck schwer erkrankt und zur Erholung nach Deutschland geschickt wird, übernimmt Schwend vorübergehend die Leitung des Hospitals. Doch strebt er selber nach einer beruflichen Veränderung: "Ende 1925 wurde für mich die Frage meiner weiteren Zukunft akut. Die unruhigen politischen Zeiten in China machten es nicht wahrscheinlich, dass die Arbeit am Tungkuner Hospital in absehbarer Zeit für 2 Ärzte sich befriedigend werde ausbauen lassen ... Da an mich in dieser Zeit zum zweiten mal schon die Anfrage kam, ob ich mich nicht in Bangkok, der Hauptstadt Siams, niederlassen wolle, entschloss ich mich, sobald Dr. Hueck meine Arbeit übernehmen konnte, etwa im Sommer 1926 nach Bangkok überzusiedeln." 1926 wurde dann tatsächlich für die Familie Schwend ein wichtiges Jahr. Zum einen kam die zweite Tochter Ute auf die Welt und zum anderen nahm Dr. Schwend das Angebot aus Bangkok an. Im Juli 1926 wurden Kisten und Koffer gepackt und die Familie musste schweren Herzens das lieb gewonnene Tungkun verlassen.

Aber auch die Familie musste sich vorübergehend trennen. Otto Schwend wollte das Wagnis eines Neuanfangs zunächst allein unternehmen, und so reisten Ehefrau Gertrud und die beiden Töchter für ein Jahr nach Deutschland zurück. Er selbst reiste zunächst über Canton nach Hongkong, wo er mit dem englischen Dampfer "Kalgan" weiter nach Siam fuhr. In Bangkok angekommen berichtet er in seinen Erinnerungen: "... die Stimmung, wenn es Nacht geworden ist und ein unwahrscheinlich großer und klarer Vollmond mit blau-silbernem Licht die Tempel überflutet, die bunten Farben etwas auslöscht und mit dem Kerzenschein aus den Hallen, den Laternen in den Gängen und allen den vielen goldenen Reflexen einen wundersamen Wettstreit aufnimmt. Im Nachtwind klingen die vergoldeten Metall-Blättchen, die an den Giebeln hängen, eine zarte geisterhafte Melodie, aus der Andachtshalle tönt das Rezitativ des Priesters und die Luft ist voll vom Dufte der Blumen,des Weihrauches, der Wachskerzen und wohl auch von Wohlgeruch der zartgeliederten Frauen. Das ist eine andere Welt als die unsere."

In Bangkok angekommen, etablierte er schnell eine sehr erfolgreiche ärztliche Praxis. Die Grundlage für den Erfolg der Praxis waren neben seinen Leistungen als Arzt auch seine chinesischen Sprachkenntnisse. Behandlungserfolge stellten sich ein und so gehörten bald viele Chinesen der großen Gemeinde Bangkoks zu seinen Patienten. Auch zum siamesischen Königshaus wurde er als Conciliarius herangezogen. Über die erste Audienz bei der Mutter des Königs schreibt er: "Ich vergesse nie den ersten Besuch bei der alten Königin. Das Palais lag am Menam in einem schönen großen Park, in welchem Kraniche und Pfauen stolzierten, und war ein moderner Bau europäischen Stils. Ich wurde in ein Empfangszimmer geleitet, wo ich auf den siamesischen Kollegen warten musste, der immer zu spät kam. Wir wurden in den ersten Stock geführt, über große Marmortreppen, an deren Geländer eine Spazierstocksammlung untergebracht war. Wieder musste ich warten. Ein Diener brachte mir knieend ein großes Glas deutsches Bier - es war 10 Uhr vormittags. Dann kam der Prinz und führte uns in die Gemächer der Königin... Als wir in das große Schlafzimmer Ihrer Majestät eintraten und ich sie auf einem niederen Bett in der Mitte des Zimmers umgeben von einem ganzen Hofstaat von Dienerinnen sitzen sah, machte ich eine tiefe Verbeugung und ging auf das Bett zu. Ich schielte seitlich rückwärts nach meinem Kollegen, ob der auch mitkomme,und sah ihn nicht mehr. Etwas erschrocken bemerkte ich, dass er auf Knien und Ellbogen hinter mir drein krabbelte. Der Prinz sah meine Überraschung und sagte lächelnd: "Treten Sie nur näher, Sie sind ja kein Siamese."

Die besondere Stellung Schwends am siamesischen Königshaus zeigt sich besonders deutlich in folgender Geschichte: Als sich der König einmal in der Sommerfrische befand und Mitglieder der königlichen Familie erkrankten, rief er Dr. Schwend in seine Sommerresidenz und ließ ihn und seine Familie mit dem königlichen Privatzug in Bangkok abholen.Vielseitig interessiert und menschenfreundlich tauchte er tief in das kulturelle und gesellschaftliche Leben in der Hauptstadt des Königreichs Siam ein. Sprachbegabt beherrschte er sogar das für Europäer so schwierige Siamesisch. Sein besonderes Interesse galt neben dem Schauspiel der Kunst. Der wirtschaftliche Erfolg, viele Kontakte und große Kennerschaft der siamesischen und chinesischen Kunst und Kultur ermöglichten es, in 15 Jahren eine außergewöhnliche Sammlung chinesischer und siamesischer Kunstgegenstände zusammenzutragen.

Eine besondere Ehre wurde ihm als Deutscher 1937 zuteil, als ihn die British Legion als Mitglied aufnahm. Über dieses Ereignis berichtete nicht nur die Bangkok Times, sondern auch die London Times. Dass in diesen politischen Zeit ein Deutscher Mitglied in einem britischen Club werden konnte, hatte nicht nur mit seiner hervorragenden Reputation in Bangkok zu tun, sondern geht auch auf sein ärztliches Engagement im 1. Weltkrieg zurück, wo er einem schwer verletzten englischen Soldaten das Leben rettete.

Doch leider kam für Familie Schwend auf Grund der unheilvollen politischen Entwicklungen in Deutschland 1938 das Ende ihrer Zeit in Bangkok und sie mussten schweren Herzens Siam verlassen und zurück nach Deutschland gehen. Ein neues Zuhause fanden Sie in der Nähe von Traunstein am Chiemsee. Als Militärarzt wurde Dr. Schwend in Russland schwer verletzt und kam zurück nach Deutschland. In den letzten Kriegsjahren leitete er mehrere Lazarette am Chiemsee. Nach dem Krieg eröffnete er in Traunstein eine Praxis und war dort bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1951 als Arzt tätig.

Die Sammlung, die Dr. Otto Schwend in den insgesamt 15 Jahren in Ostasien zusammengetragen hat, zeugt von einer großen Kennerschaft. Von den teils musealen Stücken seien hier exemplarisch die elf phantastischen Gefäße aus Rhinozeroshorn sowie das bemerkenswerte Rad der Lehre erwähnt. Diese Sammlung gehörte zu den letzten großen ihrer Art in deutschem Privatbesitz.

Es ist für Van Ham Kunstauktionen eine besondere Ehre und Freude, mit diesem Katalog diese Sammlung erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren. Unser besonderer Dank gilt den Nachkommen von Dr. Otto Schwend für das uns entgegengebrachte Vertrauen.


Sammlung Dr. Otto Schwend

Auktion: Dezember 2014